Metropolregion Rhein-Neckar

Mannheim

Stefan Forster: „Als Architekt bin ich Teil der Gesellschaft“

Interview

Stefan Forster

Architekt

Stefan Forster gründete das Büro Stefan Forster Architekten 1989 in Darmstadt, 1995 erfolgte der Umzug nach Frankfurt. Heute zählt es mit seinem Team aus rund 60 Architekt*innen zu den führenden Wohnungsbau-Architekturbüros in Deutschland. Der Umbau von Büro- und Verwaltungsgebäuden sowie die Transformation von Siedlungen zählen zu den Schwerpunkten des Teams. Zahlreiche Projekte, darunter auch das im „Treffpunkt“ vorgestellte Genossenschaftsprojekt Lameygarten in Mannheim, wurden mehrfach ausgezeichnet. Stefan Forster ist auf vielen Veranstaltungen ein gefragter Referent, wenn es um gesellschaftliche Aspekte des Wohnungsbaus oder um die Zukunft des Städtebaus geht. Mitunter kritisiert er allzu lieblos aufgezogene Bauprojekte in deutlichen Worten und kämpft für die Qualität von Wohnraum, in den man am liebsten selbst einziehen möchte.

Herr Forster, Transformation, Nachhaltigkeit, Nachverdichtung statt Abreißen- gab es einen bestimmten Zeitpunkt, zu dem Sie diese Weichen für sich gestellt haben? 

SF: Als Architekt befasst man sich immer mit diesen Themen. Einen bestimmten Zeitpunkt oder eine Verschiebung meines Schwerpunkts gab es nicht. Als Architekt bin ich Teil der Gesellschaft und habe somit die Aufgabe zu aktuellen Entwicklungen Stellung zu nehmen.

In die Zusammenarbeit mit Genossenschaften haben Sie über Wettbewerbe gefunden. Wie etabliert man sich denn als junger Architekt im privaten Markt?

SF: Wer nicht aus einer Familie mit guten Beziehungen und finanziellen Möglichkeiten kommt, dem bleibt nur der Weg der Auftragsbeschaffung über gewonnene Wettbewerbe. Ich selbst bin aus einem eher kleinbürgerlichen Haushalt hervorgegangen, demzufolge ohne große finanzielle Unterstützung durch mein Elternhaus und ohne Verbindung zu finanzstarken Netzwerken. Durch ein gewonnenes Wettbewerbsverfahren kam ich zu einem meiner ersten Aufträge, dem Plattenbau-Umbau im thüringischen Leinefelde. Die dort von uns ausgeführten Bauten sind später berühmt geworden. Danach kam es, ebenfalls durch einen gewonnenen Wettbewerb, zur Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Spar- und Bauverein. Mittlerweile bearbeiten wir bereits das fünfte gemeinsame Projekt. Mit der Düsseldorfer Wohnungsgenossenschaft WOGEDO arbeiten wir bereits am zweiten Bauvorhaben, dem Neubau von 16 Wohnhäusern, einem gesamten Straßenzug, in der Hagener Straße.

Ihr Credo lautet, den Bestand optimal zu nutzen. Wie reagieren Sie auf den gestiegenen Bedarf nach kleineren Wohneinheiten, auf die Zunahme von Single-Haushalten? Wie lässt sich der Bestand an Einfamilienhäusern kosteneffizient und intelligent für möglichst viele Wohneinheiten umrüsten?

SF: Niemand lebt gerne auf die Dauer als Single. Dieses Phänomen entsteht eher aus der angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt, da das Wohnen in größeren Wohnungen einfach nicht mehr bezahlbar ist. Aus diesem Grunde werden die Wohnungen immer kleiner, bei gleichbleibender Miethöhe. Der heutige Wohnbaumarkt ist sehr stark profitgesteuert und orientieret sich nicht an den Bedürfnissen der Bewohner – leider eine schlechte Entwicklung unserer Gesellschaft. Viele Einfamilienhäuser sind derzeit unterbelegt, oftmals nur noch mit einer Person. Diese Gebäude könnte man relativ einfach in zwei bis drei Wohneinheiten unterteilen oder auch für alternative Wohnprojekte sowie Wohngemeinschaften nutzen. Seit den Zeiten des vermehrten Homeoffice ist Wohnraum im Grünen wieder attraktiver geworden. Unsere Städte – ich lebe ja in Frankfurt – bieten immer weniger Lebensqualität: vollgestopft mit Autos, sozialen Problemen, schlechten Schulen etc. Andererseits müssten viele Gegenden mit einem Bestand an Einfamilienhäusern besser an öffentliche Verkehrsmittel angeschlossen werden. Nach wie vor werden immer noch Neubaugebiete für Einfamilienhäuser ausgewiesen, während im Zentrum der Orte Häuser leer stehen. Die Ausweisung von Neubaugebieten sowie der Bau von Einfamilienhäusern muss unterbunden werden. Das ist als Gesellschaft ökologisch und ökonomisch nicht mehr leistbar. 

Sie haben auch in Venedig studiert. Sind Sie architektonisch fasziniert von Venedig? 

SF: Mein Venedig Aufenthalt kam über ein DAAD-Stipendium zustande. Die Stadt ist wunderbar für Urlaube, zum dauerhaften Leben und Arbeiten ist sie völlig ungeeignet. 

Spielen für Sie „klassische“ Elemente wie Loggien oder Erker eine Rolle? 

SF:Loggien sind für mich keine Reminiszenz an italienische Palazzi, sondern ein Element, das den Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum wunderbar strukturiert. Leider geht es bei jedem neuen Projekt vorrangig um die Finanzierbarkeit. In diesem Rahmen versuchen wir, möglichst noch etwas Schönes zu schaffen. 

Warum schätzen Sie Klinkerfassaden?

SF: Am Klinker schätze ich die Nachhaltigkeit. Das Aussehen des Klinkers verändert sich mit der Zeit kaum, das heißt er hat eine wunderbare Alterungsfähigkeit, ganz im Gegensatz zum Wärmedämmverbundsystem, welches sehr schnell schäbig aussieht. Klinker lässt sich zweischalig verbauen: mit einer Dämmschicht unter der Fassade und zusätzlich einer Luftschicht dazwischen. Er dämmt also optimal. Meiner Überzeugung nach werden Gebäude, die wertschätzend gebaut wurden, auch weniger schnell Opfer vandalistischer Aggression. Eine Klinkerfassade bleibt immer unsere Wunschlösung, falls finanzierbar. 

Was halten Sie von einer Bürgerbeteiligung bei Bauvorhaben?

SF: Bürgerbeteiligungen sind seit Stuttgart 21 in Mode gekommen. Die Kommunen wollen ihre Entscheidungen über eine Bürgerbeteiligung besser vermitteln. Häufig kaschieren sie jedoch damit ihre eigene Entscheidungsunfähigkeit. Laien sollten nicht mitentscheiden, was baulich umzusetzen ist. Als Architekt sehe ich doch selbst schon als Mensch, wo die Probleme z.B in einem Quartier liegen und wie man sie baulich lösen kann, dazu bin ich schließlich ausgebildet worden.

Der Mannheimer Schwarzwaldblock wurde in Bauabschnitten gebaut, so dass die Mieter zu keinem Zeitpunkt aus dem Areal wegziehen mussten. Kann man dies auch bei anderen Bauprojekten als Modell anwenden?

SF: Derzeit bauen wir den Meeräckerblock, gegenüber dem Schwarzwaldblock, auf die gleiche Art und Weise neu. Wenn man die gesamte Baumaßnahme in drei bis vier Bauabschnitten unterteilt, kann man die Menschen durch intelligentes Umzugsmanagement im Quartier belassen. Insgesamt verteuert sich dadurch die Baumaßnahme natürlich. Genossenschaftsmitglieder sind quasi Miteigentümer, bei Sanierungsvorhaben ist man nur ihnen verpflichtet, keinen Aktionären. Das Genossenschaftsprinzip macht gerade heute Sinn, dies zeigen die vielen Neugründungen von Wohnbaugemeinschaften und Genossenschaften, auch in kleinerem Rahmen.

Wie kommt Ihr Sanierungsvorhaben für das Sparkassenareal in Speyer an?

SF: In Speyer passen wir gerade den Klotz der Sparkasse aus den Achtzigerjahren in die umgebende Altstadt ein. Dabei belassen wir ein Großteil der bestehenden Struktur und binden sie in das Neue ein. Dies bedeutet eine hohe CO2-Ersparnis. Die Plätze ringsum werden neu definiert, Parkplätze und Autoverkehr reduziert, Grünflächen angereichert. Das Projekt wird, zu unserer großen Freude, von der gesamten Stadtgesellschaft sehr positiv angenommen.

Wird Ludwigshafen durch Projekte wie das „Ludwigs-Quartier“ zur attraktiveren Wohnstadt?

SF: Für uns als Architekten ist Ludwigshafen ein Traum weil es dort an jeder Ecke etwas zu tun gibt. Wir haben bereits in der Rheinallee zwei große Projekte realisiert und sind natürlich sehr froh, unsere Arbeit an der Stadt mit dem Neubau des Halberg-Areals weiterführen zu können.

Unsere Arbeit ist auch in Ludwigshafen sehr positiv aufgenommen worden. Wir hoffen auf noch weitere Aufträge, um daran mitzuarbeiten, Ludwigshafen, das sich gerade im Umbruch befindet, zu einer attraktiven Stadt umzubauen. Das ist mir auch ein persönliches Anliegen und macht mir große Freude. Ich komme ja selbst aus der Gegend deshalb bin ich auch emotional damit verbunden. Der Menschenschlag hier ist offen und kontaktfreudig.

Für das Gespräch herzlichen Dank!

Das Interview führte 

Dr. Regina Urbach