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Lieferengpässe, Handwerkermangel, Gasumstieg: Ein unlösbarer Knoten

Die Ampelkoalition war im Herbst 2021 mit hochambitionierten Forderungen ans energieeffiziente Bauen und Wohnen gestartet. Laut Koalitionsvertrag sollen jährlich 400.000 neue Wohnungen fertiggestellt werden: 30 Prozent mehr als bisher. Das neue Klimaschutz-Sofortprogramm stellt Bauherren und Planungsbüros vor höhere Herausforderungen beim energieeffizienten Neubau wie der Sanierung. Schon ab 2024 soll für bestehende Gebäude der Energiestandard EH 70 verpflichtend werden. Ab 2025 gilt für Neubauprojekte EH 40 als Standard. Damit kommt eine ganze Reihe erforderlicher Zusatzmaßnahmen auf Bauherren zu. Das wird nicht nur teuer. Es fordert auch von den ausführenden Betrieben das geeignete Know-how. Ob und wie hoch solche neu notwendig gewordenen Maßnahmen gefördert werden, darüber besteht im Koalitionsvertrag bislang keine Klarheit. Dies wirkt sich bereits auf die Baubranche aus, denn viele Hauseigentümer warten nun mit Sanierungsvorhaben erst einmal ab. Dabei sind die Auftragsbücher im Bau schon jetzt eigentlich voll wie nie.

Dennoch drohen der Baubranche Kurzarbeit und Insolvenzen. Dies liegt in mehreren ungünstigen Entwicklungen begründet. Seit dem Ukraine-Krieg hat sich der Preis für eine Tonne Bitumen auf 650 Euro mehr als verdoppelt, mahnte Burkhard Siebert, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverband Hessen-Thüringen schon im März. Ein mittelständisches Unternehmen betreue bis zu 40 Baustellen und verbrauche so pro Jahr durchschnittlich 1,5 Millionen Liter Diesel. Damit müssten die Unternehmen bei den derzeitigen Preisen alleine für Kraftstoffe rund 1,5 Millionen Euro Mehrkosten im Jahr stemmen.

Den ehrgeizigen politischen Zielen stand schon in den Coronajahren 2020-21 eine reale Knappheit an verfügbaren Baustoffen und Handwerkern gegenüber, was den Fortgang am Bau belastet. Nun kommen die Auswirkungen des Ukrainekriegs hinzu und damit eine dramatische Zuspitzung der Lieferengpässe. Der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, Felix Pakleppa moniert: Lieferengpässe und Preissprünge bei Stahl, Aluminium und Kupfer machen Bauunternehmen eine belastbare Preiskalkulation unmöglich. Bauverzögerungen und Baustopps sind die Folge. Der Bundeserlass für die obligatorische Anwendung einer Stoffpreisgleitklausel, mit der Preissprünge während eines Bauprojekts aufgefangen werden sollen, ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zum einen bezieht er sich vorrangig auf Stahl und Bitumen. Zum anderen muss er von den einzelnen Ländern und Kommunen erst noch übernommen werden, und zwar auch für laufende Bauprojekte. Und dann darf nicht vergessen werden, dass dies auch nur eine Teilung der erhöhten Baukosten zwischen Bauunternehmen und Bauherrn bedeutet. Es liegt auf der Hand, dass eine vermehrte Kostenbeteiligung kaum einen Bauherren motivieren wird, nun eine lang aufgeschobene energetische Sanierung anzupacken.

Der Ukrainekrieg wirkt auch beschleunigend auf den politisch gewollten Ausstieg aus der fossilen Heiztechnik. Derzeit heizt etwa die Hälfte der deutschen Haushalte mit Gas. Ab 2024 dürfen in Wohngebäuden nur noch Heizungen eingebaut werden, die zu 65 Prozent aus erneuerbaren Energien gespeist werden. So wird nun ad hoc vielerorts der massenhafte Umstieg auf strombetriebene Wärmepumpen als Lösung präsentiert. An diesem Punkt verschärft sich die schon bestehende Lücke bei der Stromversorgung, sofern diese, den politischen Zielen folgend, bis 2030 weitgehend auf erneuerbaren Energien basieren soll. Vor allem im Winter können Solar- und Windkraft den deutschen Heizenergiebedarf nur zu einem kleinen Teil decken. Es fehlen mindestens 100 bis 200 Terawattstunden. In vielen Städten und Gemeinden fehlt es an quartiersbezogenen Wärme- und Speichernetzen, in denen sich Strom aus erneuerbaren Quellen vorrätig halten lässt.

Zusätzliche Wärmepumpen für 20 Millionen Haushalte werden den Strombedarf erheblich in die Höhe treiben. Von E-Mobilität soll hier noch gar keine Rede sein. Bislang geht die Ampelkoalition davon aus, dass bis 2030 ca. 550 TWh Strom aus erneuerbaren Energien generiert werden können. Das ist mehr als eine Verdopplung des Niveaus aus den Jahren 2019 und 2020. 200 GW Stromleistung sollen bis 2030 aus Photovoltaikanlagen kommen. Derzeit sind es nur etwa 50 GW. Um diese Ziele zu erreichen, wird die Nutzung von Solarenergie bei gewerblichen Neubauten verpflichtend. Für private Neubauten wird sie „nach Möglichkeit“ vorgeschrieben. Auf zwei Prozent der Landesfläche sollen in Deutschland Windenergie-Anlagen stehen.

All das sind ehrenwerte Ambitionen. Doch Handwerksfachleute und Energiemarktkenner weisen auf Grenzen der Mach- und Finanzierbarkeit hin. Wärmepumpen sind dreimal teurer als eine normale Gastherme, sie benötigen mehr Platz, die Installation ist aufwendiger, und in vielen Handwerksbetrieben fehlt noch das Know-how für die Konfiguration. Vor dem nächsten Winter müssen also schleunigst Übergangslösungen gefunden werden. Es ist höchste Zeit, den Dialog mit Bauherren und Bauunternehmen zu suchen. Zeit für ECOnsult, diesem Dialog ein Forum zu bieten.

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