Metropolregion Rhein-Neckar

Überregional

Energieszenarien für Hausbesitzer: Fünffache Stromeffizienz bei Wärmepumpen

Interview

Dr. Martin Pehnt

Geschäftsführer des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu)

Dr. Martin Pehnt, Geschäftsführer des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu), präsentierte schon im wut und dem Architekturbüro Schulze Darup Forderungen an ein sozial ausgewogenes Gebäudeenergiegesetz, ein „GEG 2.0“. Im Interview mit dem „Treffpunkt Architektur“ gibt er einen Einblick, wie sich bisherige Energie-Szenarien unter dem Eindruck von Unkraine-Krieg und Energiekosten-Anstieg erneut ihrer Umsetzbarkeit stellen müssen.

Herr Dr. Pehnt, das ifeu berät auf Bundes- und Landesregierungen zu Maßnahmen des Klimaschutzes. Von hier stammen viele Vorschläge für Instrumente zur Einsparung von Treibhausgasen, durchkalkuliert auf Basis eigenentwickelter Modellverfahren, wie etwa GEMOD für den Gebäudebereich. Woher bekommen Sie Ihre Zahlen und wie werden diese bearbeitetet?

Pehnt: Die Zahlen entnehmen wir veröffentlichten Quellen, etwa Statistiken, empirischen Studien und Daten aus Energieausweisen und Messkampagnen. Den einzelnen Verfahren liegen computergestützte Verarbeitungen zugrunde. Ändern sich einige Parameter wie Rohstoffpreise, lässt sich dies schnell anpassen und neu berechnen.

Wie wirkt sich der Ukrainekrieg auf Ihre Arbeit aus?

Pehnt: Wir befassen uns unter Hochdruck mit einer Vielzahl an Strategien, um die Wärmeversorgung grüner zu machen und dauerhaft unabängig von russischen Gas- und Ölimporten zu bleiben. Dazu zählen Projekte zur Dekarbonisierung der Fernwärme, Analysen zur Novelle des Gebäudeenergiegesetzes und der 65-Prozent-Regel, die im Koalitionsvertrag verankert wurde. Sie besagt, dass bei Einbau eines neuen Heizkessels mindestens 65 Prozent der Rohstoffe für die Heizenergie aus klimaschonenden Quellen kommen sollen. Wenn man all die neu gekauften Heizungen nicht schon wieder in zehn Jahren außer Betrieb nehmen will, muss man jetzt rasch Lösungen dafür finden. Dazu müssen Heizungsmonteure und Schornsteinfegerinnen fit gemacht werden. Langfristig beschleunigt all dies unsere Arbeit. Wir hatten übrigens schon bei der letzten Ukraine-Krise 2014 ein Maßnahmenpaket erarbeitet, das uns vor der extremen Abhängigkeit von russischem Gas geschützt hätte.

Macht eine Fokussierung auf den deutschen Raum Sinn oder muss man alles europäisch denken und simulieren?

Pehnt: Die Energieströme müssen wir europäisch betrachten; das machen wir bereits in unseren Modellen. Deutschland ist keine Energieinsel. Wir ex- und importieren Strom, Gase, flüssige und feste Energieträger in beträchtlichem Ausmaß. Der europäische Energiemarkt schafft aber auch Möglichkeiten zur Vergleichmäßigung des Angebots an erneuerbaren Energien: Wenn die Sonne in Norddeutschland nicht scheint, scheint sie aber vielleicht in der Toskana. Eine Sturmfront, ein Gewitter oder Hochwasser und ihre Auswirkungen auf Stromnetz und Infrastruktur machen ja nicht vor Grenzen Halt. Während wir also das Energieangebot europäisch betrachten, müssen wir den Verbrauch und die Kosten konkret auf einzelne Kommunen oder Haushalte in Deutschland herunter brechen. 

Die gegenwärtige Regierung hat ja ein ambitioniertes Klimaprogramm angetreten. An einen nun, nach dem Ukrainekrieg erwünschten, derart raschen Gasausstieg konnte damals noch niemand denken. Ist Deutschland in eine Gasfalle getappt? 

Pehnt: Alle Gebäudeeigentümerinnen und -eigentümer müssen sich nun mit der Frage befassen, wie sie ihre alte Heizung ersetzen. In einem solchen Fall muss geprüft werden, ob das Gebäude sich für eine Wärmepumpe eignet. Da geht es unter anderem um die erforderlichen Heizungstemperaturen. 

In verdichteten Gebieten, zum Beispiel in den Innenstädten, gibt es außerdem oft Wärmenetze, die zunehmend auf erneuerbare Energien setzen werden: Großwärmepumpen, Erdwärme, Wärmegewinnung aus Flüssen, Oberflächengewässern, Grundwasser, Niedertemperatur-Abwärme oder auch Solarthermie. Wenn weder Wärmenetz noch Wärmepumpe gut möglich sind, kann eine Hybridheizung, eine Kombination aus Wärmepumpe und Gas- oder Holzheizung, eine Option sein. Wenn auch das nicht geht,  kommt eine Heizung mit fester Biomasse – oder Biomethangas in Frage. Letzteres ist allerdings nur begrenzt für den Wärmemarkt verfügbar. Dabei sollte vor allem auch durch eine Energieberatung analysiert werden, wie man im Gebäude Energie einsparen kann. 

Der Einsatz von mehr Wärmepumpenheizungen wird den Strombedarf erhöhen. Und das, obwohl bereits jetzt Lücken bei der Stromversorgung befürchtet werden. Was also ist möglich?

Pehnt: Vor allen Dingen brauchen wir einen noch schnelleren Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung, vor allem Windkraft und Solarenergie. Das ist das Rückgrat unserer Energiewende. Die Gaskraftwerke bekommen dann eine neue Rolle: Sie werden zu hochflexiblen Kraftwerken, die an deutlich weniger Stunden im Jahr vor allem die Spitzennachfrage abdecken. Auch hier gilt übrigens: Die gesparte Kilowattstunde ist die beste. Es gibt noch eine große Menge nicht gehobener Einsparpotenziale, auch in Gebäuden, etwa hocheffiziente Beleuchtung, beste Kühlschränke und Heizungspumpen, Duschsparköpfe und vieles
andere mehr.

Ist es möglich, bestehende Gasheizungen mit Wasserstoff oder anderen, klimaneutraleren Gasen zu befeuern statt mit Methan-Erdgas?

Pehnt: Viele neue Gasheizungen sind mittlerweile „H2-ready“. In diesem Falle sind nur leichte Veränderungen notwendig, um auch Wasserstoff zu verheizen. Immerhin wurden noch 2021 in Deutschland 650.000 neue Gasheizungen verkauft. Dem Erdgas kann künftig auch bis zu 20 Prozent Wasserstoff beigemengt werden. 

Schwierig wird es dann, wenn man auf 100 Prozent Wasserstoff statt Erdgas umstellen will. 

Außerdem muss aus meiner Sicht priorisiert werden: Wir werden Wasserstoff, der ja erst allmählich zur Verfügung stehen wird, vor allem in der Industrie, in flexiblen Stromkraftwerken, aber auch für die Herstellung von „grünem“ Kerosin oder für den Schwerlastverkehr benötigen. Also sollte Wasserstoff, dessen Herstellung energieintensiv ist, primär dort verwendet werden. Eine Wärmepumpe nutzt den Strom aus einer Solaranlage oder einem Windrad bis zu fünf Mal effizienter zur Wärmebereitstellung als eine Wasserstoffheizung.

Das vor derzeit nicht weiter verfolgte Projekt Desertec und andere Ideen zum Sonnenenergie-Import aus PV-Anlagen in der nordafrikanischen Wüste kamen nun auch wieder ins Gespräch. Was halten Sie davon? Welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein?

Pehnt: Diese Idee begeistert mich seit den Zeiten meiner Promotion um die Jahrtausendwende. Für ein solches Projekt müssten aber Nachhaltigkeit, die Wasserversorgung für die Elektrolyse, etwa über Meerwasser-Entsalzungsanlagen, und die lokale Versorgung sichergestellt sein. Eine Sofortlösung ist dies natürlich nicht. Es wird ein Jahrzehnt dauern, bis große Energiemengen nach Deutschland fließen könnten. Aber auch hier gilt: Der Wasserstoff wird in den anderen Sektoren dringender benötigt.

Alternative Ideen drehten sich um Biomethan oder blauen Wasserstoff…

…Biomethan ist nicht fossilen Ursprungs, sondern wird klimaneutral aus Biogas erzeugt. Es wird bereits zum Teil ins deutsche Gasnetz eingespeist. Für blauen Wasserstoff wird Erdgas in Wasserstoff und CO2 gespalten. Letzteres wird dabei gespeichert oder weiterverarbeitet und landet nicht in der Atmosphäre….

Pehnt: Genau, wobei über Leckagen und Verluste dieser blaue Wasserstoff durchaus nicht klimaneutral ist. Und bisherige Konzepte haben oft auf Russland als Produzentenland gesetzt. Das erfordert nun ein Umdenken. 

Ohne Finanzierbarkeit wird es keine Energiewende geben. In den ifeu-Studien und Stellungnahmen wird auch betont, was gesetzlich gefordert werde, dürfe oder solle sogar auch gefördert werden. Nun wurde aber in Regierungserlassen nicht immer an ausreichend konkrete Förderbeträge und –möglichkeiten gedacht. Welche Möglichkeiten hat das ifeu, auf eine bessere Finanzierbarkeit hinzuwirken?

Pehnt: Zunächst sind die Bundesförderung Effiziente Gebäude (BEG) und ihre Vorgängerprogramme durchaus wirkmächtige Förderinstrumente gewesen. Richtig ist: Wir müssen die entstehenden Mehrkosten bei den Investitionen abfedern, vor allem für die sozial Benachteiligten – wobei viele der Klimaschutzmaßnahmen angesichts der rapide gestiegenen Energiekosten durchaus wirtschaftlich sind. Also müssen wir in drei Schritten vorgehen: Zuerst müssen wir quantifizieren, wo Kosten aufkommen und für wen sie schwierig zu tragen sein werden. Bislang wird im BEG wenig nach Bedürftigkeit differenziert – ob es sich nun um ein 300-qm-Loft oder um sozialen Wohnungsbau handelt. Wir empfehlen daher flankierende Fördermaßnahmen, etwa einen Sozialbonus und ein zinsfreies, für alle zugängliches  Kreditprogramm, das Klimaschutz auch für die ermöglicht, die keine Geldpolster auf dem Bankkonto haben. 

Viele Instrumente haben wir mit Partnern aus Politik und Architektur erstellt, oft sind wir direkt mit im Boot. Wir erstellen Gutachten und empfehlen rechtliche Änderungen, zum Beispiel mit unserer Studie Sozialer Klimaschutz in Mietwohnungen. Vieles – nicht alles, schließlich unterliegt das zum Glück einem demokratischen Prozess – wurde umgesetzt, anderes ist in Projekte eingeflossen.

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